
PROJEKT
Buber-Korrespondenzen Digital
Das Dialogische Prinzip in Martin Bubers Gelehrten- und
Intellektuellennetzwerken im 20. Jahrhundert
Dialogische Begegnung in Briefen
Projektbeschreibung
Die digitale Edition Buber-Korrespondenzen Digital (BKD) widmet sich der umfangreichen und bisher weitgehend unbearbeiteten Korrespondenz des Religionsphilosophen Martin Buber (1878–1965). Martin Buber ist einer der bedeutendsten und bis heute international einflussreichsten Denker der modernen deutsch-jüdischen Kultur- und Geisteswelt. Er bewegte sich in den intellektuellen, politischen und künstlerischen Milieus der Donaumonarchie (Galizien und Wien) und Deutschlands, in der deutschen Kultur unter den Bedingungen der Weimarer Republik und der NS-Diktatur, ab 1938 unter deutsch-jüdischen Emigrantinnen und Emigranten in Jerusalem sowie nach 1945 in einem ausgedehnten Netzwerk von Gelehrten und Intellektuellen in Europa, Israel und den USA. Sein biografischer Weg wurde von Maurice S. Friedman mit Recht als »Leben im Dialog« bezeichnet.
Bubers transdisziplinäres Denken war im weitgefächerten Bereich von Theologie, Philosophie, Religionswissenschaft, Literatur, Kunst, Soziologie, Pädagogik und Psychologie verortet, dabei war er mit zahlreichen berühmten, aber auch heute vergessenen zeitgenössischen Persönlichkeiten und Institutionen vielfältig vernetzt. Die Erschließung der Bestände aus Bubers Nachlass in der National Library of Israel (NLI) in Jerusalem sowie aus anderen öffentlichen und privaten Archiven in Israel, Europa und den USA verspricht eine Vielzahl von Erkenntnissen zur Geschichte und zum intellektuellen und kulturellen Umfeld von Bubers Wirken.
Ziel des Projekts ist eine digitale modulare Briefedition, die die gesamte überlieferte Korrespondenz Martin Bubers vollständig erschließt und ihren Textverlauf möglichst originalgetreu rekonstruiert sowie eine kulturgeschichtliche Analyse der in der Korrespondenz repräsentierten dialogischen Beziehungen und der Gelehrten- und Intellektuellennetzwerke Bubers ermöglicht.
Martin Buber An Paula Buber, Juli 1903
Vernichte diesen Brief unverzüglich!
Ina Schimmer an Martin Buber, 25. März 1903
Brief –, Rohrpostkarte – Telegramm erhalten. Aber Martin wie wollen Sie auf einen Brief, den Sie am 23. Abends aufgeben, am 24. 1 Uhr Mittags schon Antwort haben! So weit sind wir mit der Postverbindung noch nicht. Sie haben wohl gestern einen nervösen Tag gehabt.
Editorisches Konzept
Editorische Arbeitsmodule
Martin Bubers schriftliches Œuvre in den unterschiedlichen wissenschaftlichen, kulturellen und politisch-sozialen Sphären seiner Wirksamkeit von der Jahrhundertwende bis zu seinem Tod im Jahr 1965 lässt sich in mehrere größere Kontexte einordnen.
Diese ermöglichen anhand zentraler Forschungsfragen eine Strukturierung des Editionsprojekts in acht thematische Module sowie eine thematisch fokussierte Analyse der zeitgenössischen ›Briefdiskurse‹.
Modul 1: Jüdische Renaissance – Kulturzionismus – Palästina / Staat Israel
Wie entstand der jüdische Nationalismus und wie wurde er diskutiert? Die Briefe Martin Bubers begleiten diese Idee von ihren Anfängen bis in die Gründungsjahre des Staates Israels – und sie ihn beinahe sein gesamtes Leben. Die Briefe zeigen Hoffnungen, Konflikte und Zweifel im Austausch mit führenden Intellektuellen. Wie entwickelte sich Bubers Denken im Laufe der Jahrzehnte? Welche Ideen verfolgte er für ein Zusammenleben in Palästina?
Die Korrespondenzen des ersten editorischen Moduls umfassen nahezu Bubers gesamte Wirkungszeit – von der Jahrhundertwende bis zu seinem Tod 1965. Sie ermöglichen eine eingehende kontextuelle Interpretation der Entstehung und Entwicklung der Idee des jüdischen Nationalismus sowie der Positionierungen Bubers und anderer wichtiger Protagonist:innen zu ihr und geben einen vertieften Einblick in die politischen und sozialen Debatten in Palästina und später im Staat Israel, zunächst als innerjüdischer Diskurs, später auch unter Beteiligung nicht-jüdischer Intellektueller. Das Modul setzt um die Jahrhundertwende mit Bubers frühen, auf die Stärkung jüdischer Kultur in der Diaspora zielenden zionistischen Schriften im Kontext der ›Jüdischen Renaissance‹ und mit seiner Auseinandersetzung mit den politischen Konzepten Theodor Herzls ein. Seine vor den Prager zionistischen Kreisen um den Hochschulverein »Bar Kochba« gehaltenen Reden über das Judentum prägen Bubers Wirkungszeit vor dem Ersten Weltkrieg. 1916 folgten mit der Gründung der Zeitschrift Der Jude und seiner Debatte mit Hermann Cohen über Staaten, Völker und Zion wichtige Positionierungen im öffentlichen Diskurs über die Rolle des jüdischen Nationalismus innerhalb des deutschen Judentums. Während des Ersten Weltkrieges nahm Bubers Denken eine Wende, die ihn in den konflikthaften Debatten über die jüdisch-arabische Koexistenz in Palästina zu einer Leitfigur der vom Verein Brit Schalom formulierten Konzepte eines binationalen Gemeinwesens in Palästina machte. Obwohl Buber das Anrecht der aus Europa kommenden Juden auf Siedlung in Palästina verteidigte, wurde er spätestens mit seiner eigenen Emigration 1938 zum scharfen Kritiker nationalistischer Tendenzen innerhalb der zionistischen Bewegung und zur mahnenden Stimme mit Blick auf die Rechte und Gleichbehandlung der arabischen Bevölkerung.
Zentrale Korrespondenzen für dieses Modul sind u.a. jene mit Achad Ha’am, Chaim Arlosoroff, David Ben Gurion, Shmuel H. Bergman, Nathan Birnbaum, Zevi Diesendruck, Albert Einstein, Nahum Goldmann, Leo Herrmann, Theodor Herzl, Hans Kohn, Jehuda L. Magnes, Salman Schocken, Chaim Weizmann und Robert Weltsch.
Modul 2: Religion(en) und Religionswissenschaft
Wie dachte Martin Buber über Religion, Mystik und den Sinn des Menschseins? Seine Briefe geben Einblick in seine Auseinandersetzung mit jüdischen und nichtjüdischen religiösen Traditionen – vom Chassidismus bis zur chinesischen Philosophie. Sie zeigen, wie sich seine religiösen und philosophischen Ideen entwickelten. Wie verband Buber Mystik mit moderner Lebenssuche? Und was bedeuten für ihn Dialog, Erlösung und Glaube in diesem Kontext?
Dass die philosophische Interpretation von Religion und Religiosität und die wissenschaftliche Erforschung religiöser Phänomene und Traditionen ins Zentrum des Werkes Bubers gehören, spiegelt sich auch in den Korrespondenzen wider. Das Modul geht zunächst von den Briefwechseln aus, welche die Ideen der frühen religionswissenschaftlichen Schriften Bubers vor dem Ersten Weltkrieg zum Gegenstand haben, darunter die Bedeutung des Mythischen für die Religion, insbesondere aber auch die Neuakzentuierung des Mystischen im Judentum in Bubers Beschäftigung mit dem Chassidismus in diesen frühen Jahren sowie von seinen Studien und Sammlungen zu nichtjüdischen mystischen Traditionen. Zentral ist das im Umfeld neuromantischer und lebensphilosophischer Sinnsuche angesichts der Krisen der Moderne stehende Werk Ekstatische Konfessionen (1909), das mystische Texte unterschiedlicher Zeiten, Religionen und Kulturkreise versammelte. Thematisiert werden in den Korrespondenzen dieses Moduls ebenfalls Bubers spätere theoretische Schriften zum Chassidismus, in denen er diesen zunächst, in den 1920er Jahren, aus der Perspektive der Dialogphilosophie und später, in den 1940er und 1950er Jahren, im Kontext seiner philosophischen Anthropologie deutet, sowie sein chassidischer Roman Gog und Magog (1943), dessen Handlung bestimmt wird durch unterschiedliche Konzeptionen von Erlösung und Messianismus. Zum Modul gehören außerdem jene Briefe, die auf Bubers Deutung des »orientalischen Geistes« und auf seine Rolle als Übersetzer und Interpret chinesischer Literatur und Philosophie, insbesondere taoistischer Philosophie, Bezug nehmen.
Im Zentrum des Moduls stehen u.a. die Korrespondenzen mit Alexander Altmann, Leo Baeck, Fritz J. Baer, Salo W. Baron, Schalom Ben-Chorin, Micha Josef Berdyczewsky, Eugen Diederichs, Ahron Eliasberg, Louis Finkelstein, Erich Gutkind, Stephen Hay, Isaak Heinemann, Samuel A. Horodetzky, Karl Kerényi, Joseph Klausner, Baruch Kurzweil, Alfred Mombert, Georg Müller, Rudolf Otto, Ernst Elijahu Rappeport, Gershom Scholem, Avraham Shapira, Moritz Spitzer, Jakob Taubes und Kurt Wolff.
Modul 3: Dialogisches Denken – Religionsphilosophie
Was bedeutet es, einem anderen wirklich zu begegnen? Martin Bubers Dialogphilosophie prägte das Denken des 20. Jahrhunderts weit über jüdische Debatten hinaus. Seine Briefe zeigen, wie aus Ich und Du ein umfassendes philosophisches Weltbild wurde – und wie Buber damit auf Krieg, Gewalt und moralische Krisen reagierte. Wie verändert der Dialog unser Bild vom Menschen? Und was kann Religionsphilosophie in Zeiten der Katastrophe leisten?
Bubers Wirkungskraft und seine bedeutsame Stellung nicht allein mit Blick auf die jüdische Kultur der Weimarer Republik, sondern im deutschen Geistesleben der Zeit überhaupt hängen eng mit seiner Rolle als einer der Begründer der Dialogphilosophie zusammen, die wichtige Anstöße für vielfältige theologische, pädagogische, psychotherapeutische, sozialethische und politische Diskurse gab. Das Modul stellt zunächst das philosophische Denken Bubers nach der Abwendung von seiner von Mystik und Neuromantik geprägten Schaffensphase in den Vordergrund. Die Veröffentlichung seines Hauptwerks Ich und Du (1923) und die Ausformulierung der Implikationen des Dialogdenkens für seine Hermeneutik, Ästhetik, Ethik und Pädagogik in weiteren Schriften in den 1930er Jahren bestimmen zahlreiche Korrespondenzen von den 1920er Jahren bis in die Nachkriegsrezeption seines Werks. Den zweiten Schwerpunkt stellen die Korrespondenzen dar, in denen Bubers späte, in Fortführung seiner Dialogphilosophie erfolgte, religionsphilosophische Auseinandersetzung mit den Folgen der Krisen und Katastrophen des 20. Jahrhunderts zur Sprache kommt – etwa in seinen Schriften Bilder von Gut und Böse (1952) oder Gottesfinsternis (1953).
Zu den wesentlichen Korrespondenzen dieses Moduls zählen u.a. jene mit Jochanan Bloch, Seymour Cain, Emil L. Fackenheim, Maurice Friedman, Hermann Levin Goldschmidt, Will Herberg, Walter A. Kaufmann, David Koigen, Eugen Rosenstock-Huessy, Franz Rosenzweig, Nathan Rotenstreich, Leo Shestov und Ewald Wasmuth.
Modul 4: Sprachphilosophie – Übersetzung – Bibelkommentar
Wie prägen Sprache und Übersetzung unser Verständnis von Welt und Glauben? Martin Buber sah in der Sprache mehr als ein Werkzeug – sie war für ihn ein Ort der Begegnung. Seine Briefe zeigen, wie er über Bibelübersetzung, Mehrsprachigkeit und die Kommentierung der Bibel nachdachte. Wie kann Übersetzen Sinn bewahren? Und wie eröffnet die Auslegung der Schrift Wege zu Glauben und Verständigung?
Fragen der Sprache, der Mehrsprachigkeit, der Übersetzung und des Kommentars spielen bei Buber von Beginn an und in zahlreichen Kontexten seiner Wirksamkeit eine zentrale Rolle. Das Modul setzt bei den frühen sprachphilosophischen Reflexionen Bubers an, die er im Gespräch etwa mit Fritz Mauthner und Hugo von Hofmannsthal und in den 1920er Jahren mit dem Patmos-Kreis entwickelte. Im Zentrum stehen sodann die Korrespondenzen im Kontext der ab 1925 mit Rosenzweig ins Werk gesetzten und nach dessen Tod 1929 allein fortgeführten »Verdeutschung« der Schrift sowie der Wirksamkeit Bubers als Interpret der Hebräischen Bibel – insbesondere als Verfasser der biblischen Kommentare Königtum Gottes (1932), Moses (1948) und Der Glaube der Propheten (1950), die sich implizit mit den zeitgeschichtlichen Herausforderungen in Europa und Palästina auseinandersetzen. Auch Bubers philosophische Überlegungen in seinen Schriften der 1950er und 1960er Jahre zur Wiederherstellung der Sprache angesichts der Sprachkrise der Moderne spielen in den Briefen eine bedeutsame Rolle.
Zu den wichtigsten Korrespondenzen in diesem Modul zählen u.a. jene mit Rudolf Borchardt, Umberto Cassuto, Hans Ehrenberg, Rudolf Ehrenberg, Nahum N. Glatzer, Abraham J. Heschel, Hugo von Hofmannsthal, Benno Jacob, Fritz Mauthner, Felix Perles, Gerhard von Rad, Eugen Rosenstock-Huessy, Franz Rosenzweig, Eduard Strauss und Ludwig Strauß.
Modul 5: Herausforderungen an das Christentum und kritischer Dialog mit der christlichen Theologie
Wie kann ein echter Dialog zwischen Judentum und Christentum gelingen? Martin Buber suchte den Austausch mit führenden christlichen Theologen seiner Zeit – über Bibel, Glauben und gemeinsame Verantwortung in der Welt. Seine Briefe zeigen Nähe, Widerspruch und Ringen um Verständnis. Was trennt die Religionen, was verbindet sie? Und welche Rolle spielt Dialog nach der Shoah?
Wie bei kaum einem anderen jüdischen Gelehrten des frühen 20. Jahrhunderts waren Bubers Deutung des Judentums und sein philosophisches Denken kritisch-dialogisch auf das Christentum bezogen und forderten die christliche Theologie in ihrem Verständnis der biblischen Grundlagen ihrer Religion – der Hebräischen Bibel ebenso wie des Neuen Testaments – heraus. Zugleich trat er in ein intensives Gespräch mit zahlreichen evangelischen und katholischen Theologen über christlich-jüdische Beziehungen, die Bedingungen eines angemessenen interreligiösen Dialogs und die gemeinsame christlich-jüdische Verantwortung in Politik und Gesellschaft, das sich auch in substantiellen Korrespondenzen widerspiegelt. Das Modul nimmt seinen Ausgang bei frühen Kontakten Bubers mit christlichen Theologen im Kontext kulturkritischer Kreise vor und während des Ersten Weltkriegs und setzt dann einen starken Akzent auf Bubers interreligiösen Beziehungen während der Weimarer Zeit, seinen Dialog mit Repräsentanten des religiösen Sozialismus und seine Reflexionen über den Religionsdialog im Umfeld der Herausgabe der Zeitschrift Die Kreatur (1926–1930). Im Fokus stehen zudem die christlich-jüdischen Dialoge und Konfrontationen um das Jahr 1933 sowie Bubers Deutung des Christentums in seinen 1934 im Freien Jüdischen Lehrhaus in Frankfurt gehaltenen Vorlesungen über Judentum und Christentum, die zur Grundlage des viel diskutierten Buches Zwei Glaubensweisen (1950) wurden. Nach 1945 bieten die jüdisch-christlichen Dialoge in Briefgestalt zugleich einen Einblick in Bubers vielschichtige Beziehung zu Deutschland nach der Shoah.
Zentrale Briefwechsel für dieses Modul sind u.a. diejenigen mit Hans Urs von Balthasar, Karl Barth, Arthur Bonus, Emil Brunner, Rudolf Bultmann, Friedrich Gogarten, Romano Guardini, Alfred Jeremias, Hans Kosmala, Otto Michel, Alfons Paquet, Leonhard Ragaz, Florens Christian Rang, Karl-Heinrich Rengstorf, Karl-Ludwig Schmidt, Karl Thieme, Paul Tillich, Viktor von Weizsäcker, Joseph Wittig und Carly Witton Davies.
Modul 6: Literatur – Kunst – Theater
Was bedeutete für Martin Buber die Welt von Literatur und Kunst? Seine Briefe zeigen ihn als Teil eines weit verzweigten Netzwerks von Schriftsteller:innen, Künstler:innen und Intellektuellen in Europa und Palästina. Von Franz Kafka bis Else Lasker-Schüler spiegeln sie Austausch, Inspiration und Streit. Wie prägten diese Begegnungen Bubers Denken? Und wie wirkte er auf Schriftsteller:innen und Kunstschaffende?
Die Liste der Korrespondenzen macht unübersehbar deutlich, dass Buber sich ein Leben lang, vor allem aber in jungen Jahren, literarisch betätigt und mit Fragen künstlerischer Produktion beschäftigt hat, mit maßgeblichen Intellektuellen seiner Zeit bekannt oder befreundet war und auf Schriftsteller:innen mit unterschiedlichem kulturellen und politischem Hintergrund eine hohe Anziehungskraft ausübte. Gegenstand des Moduls sind die Rekonstruktion und die kulturgeschichtliche Analyse des weitgespannten Netzwerks von Bubers Kontakten mit jüdischen wie nichtjüdischen Kunst- und Kulturschaffenden, von seiner Begegnung mit Wiener kulturkritischen Literatenkreisen, Schriftstellern aus dem Prager Kreis oder Intellektuellen des Forte-Kreises vor dem Ersten Weltkrieg über seinen Beziehungen zu jüdischen Künstler:innen und Literat:innen im Kontext des Zionismus und der »Jüdischen Renaissance« bis hin zu seinen Korrespondenzen mit einer Vielzahl europäischer Schriftsteller:innen, Schauspieler:innen, Theaterregisseur:innen, Maler:innen in der Zwischenkriegszeit und nach dem Zweiten Weltkrieg.
Von den zahlreichen bedeutsamen Korrespondenzen, die sich auch auf die hebräische Literatur in Palästina und Israel beziehen, sind die wichtigsten jene mit Joseph S. Agnon, Johannes Baader, Julius Bab, Hermann Bahr, Richard Beer-Hofmann, Walter Benjamin, Max Brod, Hans Carossa, Theodor Däubler, Richard Dehmel, Alfred Döblin, Louise Dumont, Berthold Feiwel, Yaakov Fichmann, Albrecht Goes, Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal, Franz Kafka, Jakob Klatzkin, Werner Kraft, Else Lasker-Schüler, Oskar Loerke, Thomas Mann, Arno Nadel, David Pinski, Romain Rolland, Hermann Struck, Margarete Susman, Jakob Wassermann, Franz Werfel, Karl Wolfskehl, Arnold Zweig und Stefan Zweig.
Modul 7: Politische Philosophie – Sozialphilosophie
Wie verband Martin Buber Politik, Ethik und Verantwortung? Seine Briefe zeigen ihn im Gespräch mit Sozialisten, Pazifisten, Konservativen und internationalen Denkern. Sie spiegeln sein Ringen um Gerechtigkeit, Gemeinschaft und Frieden in einer zerrissenen Welt. Welche Rolle sollte Religion in der Politik spielen? Und wie lässt sich menschliche Verantwortung denken?
Buber beschäftigte sich zeitlebens auch jenseits seines zionistischen Engagements mit politischen und sozialphilosophischen Themen und stand in unterschiedlichen zeitlichen Kontexten in vielfältigem Kontakt mit Intellektuellen ganz unterschiedlicher politischer Orientierung. Ausgehend von den Anfängen des politischen Denkens Bubers mit seinen unterschiedlichen Wurzeln – in der Jugendbewegung, in neuromantischen Vorstellungen und in den gemeinschaftssozialistischen Ideen im Umfeld der »Neuen Gemeinschaft« im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts –, seiner kritischen Freundschaft mit Gustav Landauer und seiner sich wandelnden politischen Haltung während des Ersten Weltkriegs liegt der Schwerpunkt des Moduls auf den Aspekten, die sein Denken nach 1918 bestimmten: dem mit dem Dialogdenken verbundenen Akzent auf der gesellschaftlichen Verantwortung sowie den Diskussionen über das Verhältnis von Religion und Politik, die sich in zahlreichen Essays über die universale Bedeutung der biblischen Prophetie (z.B. Der heilige Weg, 1919), in Dialogen mit religiösen Sozialisten, aber auch mit zahlreichen Vertreterinnen der jüdischen Frauenbewegung und nicht zuletzt in Dialogen mit konservativen und rechten politischen Gegnern – bis hin zu Anhängern des Nationalsozialismus – niederschlugen. Bubers sozialpolitische Schriften aus der Zeit zwischen 1938 und 1965, insbesondere Pfade in Utopia (1950), sein großes Werk zur Geschichte und Praxis sozialistischer Ideen und kommunitarischer Praxis, sind ebenso Thema der Korrespondenzen wie seine Aussagen zum Kalten Krieg, zur internationalen Verständigung oder zur Todesstrafe (u.a. im Kontext des Eichmann-Prozesses).
Für dieses Modul zentral sind u.a. die Korrespondenzen mit Eduard Bernstein, Nathan Chofshi, Dora Edinger, Shmuel N. Eisenstadt, Mahatma Gandhi, Victor Gollancz, Dag Hammarskjold, Erich Kahler, Hanna Karminski, Gustav Landauer, Bertha Pappenheim, E. Pinchas Rosenblüth, Bertrand Russell, Albert Schweitzer, Georg Simmel und Ferdinand Tönnies.
Modul 8: Philosophische Anthropologie – Pädagogik – Psychologie / Psychotherapie
Welche Rollen spielen Beziehung und Begegnung für Bildungsprozesse? Bubers Briefe zeigen sein Engagement für Bildung, Pädagogik und die Psychologie des Menschen. Sie spiegeln seine Ideen vom Dialog, von Heilung und menschlicher Entwicklung in Schulen, Lehrhäusern und akademischen Kontexten. Welche pädagogisch-anthropologischen Fragen spiegeln sich in Bubers Briefwechseln? Und wie kann Pädagogik Gesellschaft gestalten?
Ein letzter Themenkomplex, der im Intellektuellennetzwerk Bubers einen zentralen Stellenwert besaß, betrifft Fragen der Bildung und Pädagogik sowie der Anthropologie und Psychologie. Im Zentrum des Moduls stehen die zeitgenössischen bildungstheoretischen und reformpädagogischen Diskurse, an denen Buber mit seinen Schriften zu Jugend, Bildung und Erziehung vom Ersten Weltkrieg bis in die 1950er Jahre teil hatte – mit Schwerpunkten auf der Praxis des Freien Jüdischen Lehrhauses in Frankfurt zwischen 1921 und 1938 und der Erwachsenenbildung im Staat Israel sowie auf Bubers akademischer Wirksamkeit in Frankfurt und Jerusalem. Der Akzent liegt darüber hinaus auf dem starken Widerhall, den seine Schriften zur philosophischen Anthropologie und zu Themen der Psychologie und Psychotherapie in den Briefen zahlreicher Zeitgenossen fanden. Das gilt bereits für seine Funktion als Herausgeber der sozialpsychologisch orientierten und zu den Gründungsdokumenten der deutschen Soziologie zählenden Schriftenreihe Die Gesellschaft (1906–1912), vor allem aber für spätere Schriften wie Die Frage an den Einzelnen (1936) oder Das Problem des Menschen (1948), die in Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse die heilende Funktion dialogischer Beziehungen akzentuierten. Auch Bubers Stellung zu Sigmund Freud und C.G. Jung spielt eine bedeutende Rolle.
Für dieses Diskursfeld wichtige Korrespondenzen sind u.a. jene mit Lou Andreas-Salomé, Ludwig Binswanger, Wolf Dohrn, Leslie H. Farber, Abraham Halevy Fraenkel, Viktor E. Frankl, Sigmund Freud, Paul Geheeb, Hermann M. Gerson, Otto Hirsch, Ernst Joel, Ellen Key, Siegfried Lehmann, Rudolf Pannwitz, Carl Rogers, Elisabeth Rotten, Ernst Simon, Kurt Singer, Ronald Gregor Smith und Hans Trüb.
Modul 0: Ohne Modulzuordnung
Bestimmte Korrespondenzen lassen sich keinem der acht thematischen Module eindeutig zuordnen. Dies ist u.a. der Fall, wenn es sich um reine Glückwunschschreiben handelt oder die Briefe sich ausschließlich mit privaten oder familiären Themen befassen.
Ebenfalls ohne Modulzuordnung bleibt ein großer Teil der so genannten »Allgemeinen Korrespondenz« (z.B. reine ›Fanpost‹) und der »Verlagskorrespondenz«, zu der nicht nur die Korrespondenzen mit den großen Verlagen wie Lambert Schneider, Hegner oder dem Schocken Verlag gehören, sondern auch eine Vielzahl kleinerer Verlage in Europa, Israel und den USA, mit denen Buber etwa im Hinblick auf Übersetzungen seiner Werke oder Wiederabdrucke und Neuauflagen in Verbindung stand.
Buber-Korrespondenzen Digital
Methodisches Vorgehen
Wie das Projekt mit der großen Menge an Materialien umgeht und auf welche Weise dabei editorische und digitale Konzepte ineinander greifen, erfahren Sie hier:
